Tanja Hochschild

Don’t panic – Do it! Tanja – Die Frau in der vorderen Reihe

Kurzvorstellung:

Tanja +++ verheiratet, 3 erwachsene Kinder +++ Führte viele Jahre Software Development Teams an mehreren Standorten in Teilzeit +++ Head of Digitalization und als Prokuristin Mitglied der Geschäftsleitung

WE: Blenden wir 16 Jahre zurück. Dein Chef kam auf dich zu und sagte: „Wir brauchen eine Teamleitung Software-Entwicklung – Sie machen das jetzt!“ Wie hast Du Dich gefühlt?

Tanja: Ganz ehrlich? Meine erste Reaktion war, das kann ich nicht. Wie soll das denn gehen? Ich habe 3 kleine Kinder. Ich arbeite in Teilzeit. Meine Kollegen hatten mehr Berufserfahrung als ich. Wie soll das denn funktionieren?

WE: Doch du hast Dich der Aufgabe gestellt. Wie war Dein Ansatz?

Tanja: Ich habe mir überlegt, wie ich das angehen könnte. Ich suchte nach Vorbildern, doch die fand ich nicht. Ich zog mich zurück und habe mich vor ein weißes Blatt Papier gesetzt. Ich habe mir überlegt, was braucht ein Software Development Team von einer Führungskraft? Was würde ich mir von meinem Chef wünschen? Wie gehe ich damit um, dass ich die Hälfte der Arbeitszeit meines Teams nicht anwesend bin? Und was braucht es in einer Drucksituation, wenn z.B. die Systeme ausfallen und ich abwesend bin?

WE: Und das hieß strukturell und organisatorisch…?

Ich definierte, was die wichtigen Funktionen einer Teamleitung sind und was hinter den Funktionen steckt. Wer kann sie vertretungsweise übernehmen und was bräuchte dieser Mitarbeitende, um handeln zu können? Mein Ziel war es, Verhaltenssicherheit für die Teammitglieder zu schaffen, gerade in Zeiten, in denen ich nicht greifbar bin. Da hilft Transparenz, viel Informationsaustausch und klare Verantwortlichkeiten. Herausgekommen ist ein rollierendes System mit viel Delegation. Doch das Wichtigste fehlte noch: Wie ich meine Haltung, die hinter meinen Entscheidungen steckt, an meine Mitarbeitenden weitergeben könnte. Denn erst damit trafen sie im Alltag Entscheidungen, die auch in meinem Sinne waren. Und ich war wirklich verblüfft, aber es hat funktioniert. Nicht gleich zu Beginn, aber Schritt für Schritt.

WE: Klingt nach großer Matrix!

Tanja: Das klingt jetzt sicherlich etwas schräg. Aber wie bei mathematischen Aufgabenstellungen habe ich die Herausforderungen systematisch in Mengen aufgeteilt. Entstanden sind daraus Rollen mit ganz unterschiedlichen Aufgaben und Verantwortlichkeiten. Keine Workflows oder starre Regeln, vielmehr war und ist es mir wichtig, dass meine Intention das Ziel von den Teammitgliedern wird. Wo mir das gelingt, sind auch die Entscheidungen super – und besser, als hätte ich mir alleine etwas ausgedacht. Es war und ist eine großartige Zeit mit großartigen Teams und so manchen guten Wegbegleitenden.

Doch wichtig ist gerade auch für uns Frauen, dass neben der Situation am Arbeitsplatz auch die Familie eine wichtige Rolle spielt. Wir haben immer wieder gemeinsam nach Wegen gesucht, wie unser Alltag funktionieren kann. Ein Dank geht da auch an meinen Mann. Manches Mal hatte ich ein schlechtes Gewissen. Heute sind meine Kinder groß und finden, es ist super gelaufen. Aber es gab Momente, da war ich unsicher.


WE: Wie beurteilst Du Deine Erstreaktion heute?

Tanja: Vermutlich typisch weiblich. Es fehlten mir Vorbilder – um mich herum waren nur Männer in Vollzeit. Das ist heute in meinem Umfeld bei Würth Elektronik ganz anders. Heute kann ich über meine Reaktion nur schmunzeln, aber damals war das wirklich eine Herausforderung.

WE: Werden Frauen und Männer heute noch als zwei unterschiedliche Gruppen von Menschen wahrgenommen – wie emanzipiert sind wir?

Tanja: Keine einfache Frage. Ich würde sagen, wir sind heute überzeugt davon, dass Männer und Frauen heute bereits gleichberechtigt sind und Gleiches leisten können. Doch unter Druck fallen wir zurück in alte Rollenmuster.

WE: Was ist die größte Herausforderung in Deiner Führungsrolle?

Tanja: Loslassen können und meinen Mitarbeitenden vertrauen. Das habe ich über die Jahre gelernt und das teile ich mit meinen männlichen Kollegen.

WE: Wie sieht Dein Zielbild bezüglich Geschlechtergleichstellung aus?

Tanja: Auf allen Ebenen im Unternehmen arbeiten wir in gemischten Teams zusammen. Wir gehen bewusst mit der Vielfalt um, um so die besten Ideen und Entscheidungsoptionen zu finden, die uns stark für die Zukunft machen.

WE: Wie kommen wir da hin?

Tanja: Wenn wir neue Stellen besetzen, neigen wir dazu, Potentiale in Menschen zu entdecken, die uns ähnlich sind. Doch dann werden Männer immer wieder Männer ernennen. Deshalb sollten wir Besetzungsprozesse transparent gestalten. Erst wenn wir formulieren, welche Erfahrung, welche Fähigkeit wir brauchen, dann wird der Blick weiter und wir finden noch ganz andere Talente.

WE: Mit was könnten sich Frauen selbst im Weg stehen?

Tanja: Häufig neigen wir Frauen dazu, auf unsere Schwächen zu schauen und weniger auf unsere Stärken. Wir wollen überzeugt werden und nicht andere von uns überzeugen. Wir wollen helfen und unterstützen, das Wort Macht bewerten wir negativ. Das gilt nicht für alle Frauen, aber für viele von uns und das gilt nicht immer, aber immer noch zu oft.

WE: Was können sie sich von Männern abschauen?

Tanja: Nicht zu kompliziert, zurückhaltend und indirekt zu sein. Wir sollten uns angewöhnen, klarer zu kommunizieren. Die Männer machen es uns vor.

WE: Springen wir noch einmal an den Anfang. Wie lautet Dein Fazit heute?

Tanja: Ich habe meinen Weg gefunden, ich fühle mich gleichberechtigt und geschätzt aufgrund meiner Fähigkeiten. Ich war und bin ein Teil von tollen Teams und ich habe verstanden: Macht kommt von „Machen“, von „Gestalten“. Und das motiviert mich immer wieder aufs Neue.

Ich möchte heute unsere jungen Frauen ermutigen, sich auf den Weg zu begeben und den jungen Männern zurufen „WE lead together“. Ich bin heute die erste Frau in unserer Geschäftsleitung und ich wünsche mir, dass sich das verändert.